Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln

Der erste Vers des Psalms 23. Vielen von uns ist er vertraut.
Und auch ich habe ihn schon im Kindergottesdienst gebetet. Oft eher heruntergerattert, ohne genau zu fragen, was ich da eigentlich bete.
Neu habe ich ihn vor wenigen Wochen für mich entdeckt. Ich telefonierte mit meiner Oma. Schnell kamen wir auf das momentane Weltgeschehen zu sprechen. Sie habe ja schon viel erlebt: das Ende des 2. Weltkrieges, einen Staat entstehen und wieder vergehen, diverse Wirtschaftskrisen und Kriege auf der Welt. Aber dafür, dass die Welt so aus den Fugen geraten ist, habe auch sie keine Worte.
„Wahnsinn“, dachte ich. Wenn sogar meine Oma sprachlos ist, dann muss es wirklich schlimm sein. Und ja, ich kann die Unsicherheit auch in mir spüren: Menschen fliehen vor Kriegen, die überall auf der Erde toben. Das Klima wandelt sich bald unaufhaltsam. Der nahende Winter lässt sogar Menschen in Häusern und Wohnungen sich Sorgen vor der Kälte machen. Und der Blick auf die Tanksäulen oder den Kassenzettel lässt mich schlucken. Und dann natürlich noch all die Erlebnisse und Herausforderungen, die mir in meinem alltäglichen Leben begegnen.
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Dieser Satz ist zweierlei:
Hoffnung. Ich hoffe, dass ich keinen Mangel haben werde an Wärme, Essen, Geld. Ich hoffe, dass der Herr mein Hirte ist und mich durch die finsteren Täler führt und bei mir ist. Ich hoffe, dass Frieden herrschen wird. Dass die Liebe gewinnt gegen den Hass. Ich hoffe, dass wir Menschen einsehen, dass die Schöpfung nicht selbstverständlich ist.
Und er ist Vertrauen. Gott ist mein Hirte und hat mich vor Mangel bewahrt. Gott ist der Herr der Geschichte und hält diese, seine Welt in der Hand. Gott ist die Liebe und wird Frieden schaffen. Und aus dieser Hoffnung und diesem Vertrauen heraus bin ich handlungsfähig. Das momentane Weltgeschehen mag ich fürchten, aber ich bin nicht starr vor Angst. Ich kann auf andere zugehen, ihnen zuhören, helfen und da sein. Ich kann laut werden gegen die Ungerechtigkeit und die Ausbeutung der Schöpfung. Ich kann zupacken. Da, wo ich gebraucht werde. Ich kann beten und für die Menschen und die Welt bitten. Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir Gottes Liebe in diese Welt tragen und dass Gott uns im Mangel Menschen an die Seite stellt, die uns Hilfe sind und Hoffnung bringen.

Ihre Vikarin Johanna Ramsch

Gemeindebrief August / September 2022

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